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Altes Mütterchen
Was sehen meine Augen? So viele Lichter,
Und rings umher nur fröhliche Gesichter.
Man merkt es leicht an dem lustigen Chor,
Hier geht heute gewiss etwas Selt'nes vor.
Du lieber Gott! es ist eine schlimme Zeit!
Im rauschendsten Galopp wird jetzt gefreit.
Ja, ja, vor etwa fünfundzwanzig Jahren,
Als die Zeiten noch besser waren,
Da war ich ein leichtes, loses Ding,
Das in seinem Netz manch Herrlein fing.
Wer konnt' auch damals mir widerstehen?
Wie ein Engel hab' ich ausgesehen!
Der Reifrock stand mir eben recht
Und die Contusche d'rüber saß mir auch nicht schlecht;
Brust und Hals mit Geschmeiden beladen;
Und die Taille, zum Umspannen, wie'n Zwirnsfaden ;
Mit spitzem Absatz der gestickte Schuh
Und ellenhoher Kopfputz dazu.
Doch was hilft mir all' mein Jammergeschrei?
Mit der lieben Zeit ist's längst vorbei.
Aber mit den jetzigen Jugendgestalten
Ist es wahrhaftig gar nicht auszuhalten!
Da sieht man nicht Fächer, nicht breite Spitzen;
Das Kleid muss halb auf der Schulter sitzen;
Selbst die Schneider, die feinen Canaillen,
Was machen sie nicht für lange Taillen;
Ja, haben meine Ohren recht vernommen,
So lassen sie aus Paris sich Glieder kommen.
Doch still! ich will nicht weiter richten;
Ich habe hier ganz and're Dinge zu schlichten.
(Zum Bräutigam.)
Zuerst, Herr Bräutigam, sei er schlau,
Und nehm' er hübsch Lehren an von einer alten Frau.
Die kleine Person, die da neben ihm sitzt,
Äus deren Augen treue Liebe blitzt.
Die soll er morgen zum Altar führen
Und durch's übrige ganze Leben regieren.
Es heißt zwar: "Das Weib sei untertan,"
Aber ein weiser Herrscher sei der Mann;
Wenn Sorgen ihm am Herzen nagen,
So muss er dem Weibchen nicht harte Worte sagen.
(Zur Braut.)
Auch sie hat, meine liebe Jungfer Braut,
Ihr Erdenglück diesem Manne vertraut.
So muss sie zu ihm auch Vertrauen hegen;
Hübsch sorgsam sein, ihn warten und pflegen;
Geduldig ertragen seine Schwächen;
Nicht raisonnieren, nicht widersprechen!
Mein sel'ger Mann war sonst ein gutes Lamm;
Doch schwoll ihm hin und wieder 'mal der Kamm
Vor eitel Stolz und Eigendünkel,
Dann duckt' ich mich still in meinen Winkel,
Und hatte der Sturm erst ausgetobt,
So hieß es: Herr Gott, du seist gelobt! -
So machten wir es, wir Alten;
So müsst auch ihr es halten. -
Der Herr behüt' euch vor Jammer und Wehe
Und geb' euch eine recht zufriedene Ehe;
Er geb' euch seinen besten Segen
Und heute über's Jahr - na - von wegen. -
Universal-Gratulant,
1845
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